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Das Musikantentum

Jettenbach wird nicht umsonst als Musikantendorf bezeichnet, denn es kann zahlenmäßig die meisten Wandermusikanten des westpfälzer Musikantenlandes aufweisen. Wandermusikanten waren Berufsmusiker, welche in der Fremde ihren Lebensunterhalt verdienten, jedoch immer wieder in ihren Heimatort zu ihren Familien zurückkehrten.

Das Wandermusikantentum entstand in der Zeit zwischen 1830 und 1845. Damals waren in den meisten westpfälzer Orten nur wenige Verdienstmöglichkeiten vorhanden und so zogen viele Handwerker alljährlich in die Fremde um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Etliche waren damals als Maurer in Frankreich an Kanalbauten beschäftigt.

Nach 1835 finden sich dann die ersten Berufsbezeichnungen als Musiker in den Standesamtsakten. Erst nach 1840 versuchten immer mehr Familienväter den Lebensunterhalt für ihre Familien durch das Musizieren zu verdienen. Ihre Reiseziele waren meist die größeren Städte in Frankreich, Belgien und Holland. Später kamen noch England und die Schweiz hinzu. Die Musiker dieser ersten Musikergeneration zogen im Frühjahr aus und kehrten im Herbst mit ihrem Verdienst zurück. Bedingt durch eine hohe Erwerbslosigkeit versuchten sich immer mehr Männer, manchmal aber auch Frauen, den Musikergruppen anzuschließen. Oft wurden noch schulpflichtige Knaben auf den Reisen mitgenommen, welche das Geld einsammelten und während der Wanderschaft auch ein Instrument erlernten.

So kam es, daß immer mehr Musikanten im Dorf ansässig wurden. Auch in den Nachbardörfern gab es immer mehr Musikanten, so daß man von einem separaten Berufszweig der Wandermusikanten sprechen konnte. Ihre Wanderungen dehnten sich immer weiter aus. Besuchten sie in der Mitte des 19. Jh. überwiegend Mittel- und Südeuropa, so kam nach 1870 auch noch Osteuropa und Rußland hinzu. Allmählich wagten sich auch Musiker nach Amerika. Um die Jahrhundertwende (19./20.Jh) konnte man die Wandermusikanten in der ganzen Welt antreffen. Südafrika, Südostasien, Australien und Neuseeland zählten damals ebenso wie Amerika und Europa zu ihren Reiseländern. Mittlerweile gab es Kapellen welche alljährlich ein festes Engagement hatten. Hierzu zählten die Seebäder in England und Holland. In Amerika spielte man auf den großen Vergnügungsdampfern des Mississippi, hatte aber auch feste Verträge in Konzerthäusern. Jettenbacher Musiker zählten zu den Mitbegründern der Metropolitan Oper in New York, spielten im größten Eispark von New York und im Bostoner Symphonieorchester.

In Rußland reisten die Musiker über Land. Dazu erwarb man meist ein Pferdefuhrwerk um schneller durch die Weiten des Landes zu kommen. Ein richtiges Bett bekam die Musiker hier nur selten für die Nachtruhe. Ein Musikant berichtete einmal, daß er in zwei Jahren nur 23 Nächte in einem Bett geschlafen hatte.
Viele Musikkapellen reisten alljährlich mit einem Zirkus durch Europa. Hier hatte man neben der musikalischen Unterhaltung bei den Zirkusvorstellungen auch andere Tätigkeiten im Zirkus zu verrichten. Der Zeltaufbau und der Abbau zählten darunter zu den beschwerlichsten Aufgaben.

Nachdem die „Lehrlinge“ oder Jungmusiker in den Anfangsjahren die Ausbildung zum Musiker während der Reise erhielten, ging man später dazu über die Kinder von Altmusikanten im Dorf oder im Nachbarort unterrichten zu lassen. Wer es sich leisten konnte schickte seinen Sohn sogar aufs Konservatorium. So brachte der Musikerstand mitunter erstklassige Konzertmusiker hervor, die Anstellungen in Konzerthäusern erlangten.

Die Reisen der Wandermusikanten dauerten unterschiedlich lang. Manche Musiker kehrten erst nach einigen Jahren wieder zu ihren Familien zurück. Am längsten dauerten die Reisen nach Asien und Australien. Mitunter blieb man bis zu fünf Jahre der Heimat fern. In Amerika blieben die Musiker meist nur eineinhalb Jahre. So zogen sie im Frühjahr weg, um im Herbst des kommenden Jahres wieder zu Hause zu sein. Musiker, welche in Europa unterwegs waren, zogen auch im Frühjahr aus und kamen bereits im Herbst wieder in ihrem Heimatort zurück. Über Winter stellte man dann wieder eine neue „Bardie“ (Kapelle) zusammen, mit welcher im Frühjahr erneut ausgezogen wurde. Nun galt es das Notenreportoire zu vervollständigen und mit der neuen Kapelle die Musikstücke einzuüben. Dies erfolgte normalerweise im Hause des Meister (Kapellleiter). Kurz vor der Abreise der einzelnen Musikgruppen gaben diese dann noch ein Abschiedskonzert im Dorf.


Das Wandermusikantentum wirkte sich insgesamt recht positiv auf die Dörfer aus. Durch die weiten reisen der Musiker konnte man im Winter den Familien und in den Gasthäusern aus weit entfernten Ländern erzählen. Der mitgebrachte Verdienst der Musikanten steigerte die Wirtschaftskraft der Dörfer. Viele Jungmusiker konnten schon nach wenigen Jahren ein neues Haus erbauen. Hier versuchten sie oftmals Baustile aus den bereisten Länder einfließen zu lassen. Viele, noch heute in unserem Dorf vorzufindende Musikantenhäuser haben eine sogenannte „Frontspitze“ (Zwerchgiebel) im Obergeschoß des Hauses.

Als äußeres Zeichen des Musikantentums ließ man die Lyra, ein Standessymbol, im Türsturz oder auch auf der Wetterfahne der Dachaufbauten anbringen. Mancher Musikant erbaute sich neben seinem Wohnhaus auch noch großzügige Ökonomiegebäude um im Ruhestand als Landwirt ein Auskommen zu haben. Hierzu hatte man sich bereits in jungen Jahre einige Äcker und Wiesen erworben.

Von den Wandermusikanten profitierten nicht nur die Bauhandwerker, auch die anderen Handwerker hatten ihren Nutzen. Insgesamt gesehen wirkte sich das Musikantentum durchaus positiv auf unser Dorf und unsere Region aus.

Wie Eingangs bereits erwähnt begann sich das Musikantentum um 1840 aus der Not heraus zu entwickeln. Die größte Blühte erreichte der Musikerstand zwischen ca. 1900 und dem Ersten Weltkrieg. Kriegsbedingt wurden damals viele Musiker in England und Australien interniert. Auch in Amerika war es nun als Deutscher schwierig dem gewohnten Gewerbe nachzugehen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es zwar immer noch viele Musiker im Dorf, von einem Aufblühen wie vor dem Kriege kann man aber nicht mehr sprechen. Viele Länder verschlossen sich jetzt den Musikanten. Mit dem Radio und der Schallplatte hatten die Westricher Wandermusikanten eine starke Konkurrenz bekommen. Bessere Verdienstmöglichkeiten in der Heimat und die immer schwieriger werdende Ausreise vor dem Zweiten Weltkrieg brachten den Musikerstand endgültig zum erliegen.
Versucht man die Anzahl der Wandermusikanten seit den Ursprüngen zusammenzufassen, so ergeben sich für den kleinen Ort in der Westpfalz mehr als 600 Personen, welche durch das Musizieren ihren Lebensunterhalt bestritten haben.

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